Aus dem Ei

Autorin: Tippi

Kapitel 1: Brutapparat

Aus dem Ei im Brutapparat tönt ein leises Piep. Die Eischale bekommt kleine Risse, die immer größer werden, bis schließlich ein winziges Köpfchen erscheint. Noch recht feucht und matt von der Anstrengung, stellt es sich langsam auf seine Beine. Es purzelt noch einmal um und piepst jämmerlich, aber dann hat es das Kleine geschafft. Es trippelt 2 Schritte, mehr Platz gibt es nicht, denn gleichzeitig mit ihm sind einige 100 genau solcher Winzlinge geschlüpft. Und jedes einzelne ruft nach seiner Mama. Oder was soll sonst das Gepiepse?

Sie haben Wärme, sie haben Sonne, auch wenn sie nur von den Leuchtstoffröhren kommt. Zu Fressen haben sie auch. Nur keinen Platz und keine Hennenmutter. Das empfinden die doch nicht, sie haben das doch nie kennen gelernt. Die sollen sich nicht viel bewegen, nur fressen und saufen und schnell wachsen.

Unser Küken war ein kleiner Gockel, und rund um ihn herum wachsen aus den Küken viele, viele solcher Göckel. Unter ihnen entsteht ein erbarmungsloser Konkurrenzkampf, auch wenn keine Hühnerdamen anwesend sind. Man schreit sich bereits am frühen Morgen an, und rupft sich gegenseitig die Federn aus. Ist dem Händler gerade recht, braucht es schon die Maschine nicht zu machen.

Das Hähnchen wächst und wächst. Allerdings braucht es das Martyrium von Langeweile und den Frust der Enge nicht lange mit zu machen. Nach etwa 5 Monaten wandert es zusammen mit den Anderen in die Fabrik. Es wird an den Füssen aufgehängt, alle in der gleichen Höhe, eine Maschine kommt, und schneidet die Hälse durch. Die Leichen werden entsprechend verarbeitet und landen im Grill an der Strasse, auf dem Jahrmarkt, oder eine Hausfrau oder Hausmann nimmt sie mit in den heimischen Backofen.

Die winzige Hähnchenseele aber fliegt nach oben zum lieben Gott um sich zu beschweren. Als sie vor ihm steht, weiß sie nicht, wie sie das, was sie bedrückt, sagen soll, schließlich hatte sie alles gehabt, Futter, Wasser, Wärme. Alles was zum Wachsen notwendig war. Das konnte doch nicht alles sein! Der liebe Gott nahm sie zart in seine Hände, schaute sie liebevoll an, und die kleine Seele wusste, "Er " hat mich verstanden.


Das war eine Geschichte für Erwachsene, jetzt kommt eine für Kinder.


Kapitel 2: Tante Hermine

Ich möchte euch von Tante Hermine erzählen. Nicht dass ich mit ihr verwandt wäre, nein, alle Leute nennen sie so. Sie ist der großzügigste Mensch den ich kenne. Wenn einer Hilfe braucht, ruft er bei ihr an. Muss sich jemand den Kummer von der Seele reden, der geht zu ihr. Ist mit der Klassenarbeit etwas schief gelaufen, schnell zum Trösten zu Tante Hermine.

Sie ist eine kleine Frau mit einer resoluten kräftigen Stimme. Obwohl klein, strahlt sie Energie und Würde aus. Das ist wohl auch der Grund, dass die frechsten 12 bis 14 jährigen bei ihr sich niemals schlecht benehmen.

Jetzt kommt mit, schwingt euch auf eure Räder, wir fahren sie besuchen. Zuerst der Landstraße nach, dann biegen wir in einen grasbewachsenen Weg, genau da, wo der krumme Apfelbaum steht. Am besten, ihr steigt vom Fahrrad herunter, außer ihr habt so ein "Mountain Bike", damit könnt ihr durch die Schlaglöcher hüpfen. An der Hausecke bitte alles absteigen, die Räder abstellen, Schuhe und Strümpfe ausziehen, und jetzt um die Ecke.

Sieht es hier nicht aus, wie in einer anderen Welt? Ich werde es euch erzählen, was es zu sehen gibt. Einen Vorgarten oder gar einen gepflegten Rasen, auf den niemand drauf treten darf, das gibt es hier nicht. Das erste, das auffällt, ist ein riesiger Baum. Bestimmt braucht man 7 Kinder, die sich an den Händen anfassen, damit sie rund herum langen können. Langgestreckt liegt unter dem Baum Jolante, die Schweinemama. Ab und zu grunzt sie ein wenig, weil ein einzelner Sonnenstrahl genau auf ihrem runden Bauch herum tanzt. Das kitzelt ein bisschen. Im Augenblick hat sie keine Jungen, deshalb kann sie in aller Ruhe die Sonne genießen.

Aber von ihr wollte ich gar nicht erzählen, sondern von Agate. Die sitzt seit 2 Wochen auf ihren Eiern, sie hat nicht alle selbst gelegt, sondern die anderen Hennen haben eifrig mit geholfen. So bebrütet sie 14 Eier. Manche sind dabei mit einer hellbraunen Schale, andere mit weiß und welche die haben eine ganz dunkle Schale. Die hat Agate selbst gelegt. Aber ihr gefällt jedes Ei, ganz egal, welche Farbe es hat. Und sie achtet sehr darauf, dass alle vollkommen von ihren Federn bedeckt werden. Agate hat wunderschöne braune, glänzende Federn. Sie ist rund und wuschelig, mollig, weich und warm. Zwei mal am Tag klettert sie aus ihrem Korb heraus, piekt etwas Futter auf, fährt mit ihrem Schnabel ins Wasser und lässt es genüsslich in ihren Schlund laufen. Dann macht sie eine Runde um ihren Korb, scharrt einige male im Sand, und steigt danach mit leisem Gaggern umständlich in ihren Korb zurück. Dort dreht sie vorsichtig mit dem Schnabel jedes Ei auf die andere Seite. Dann plustert sie ihr Gefieder auf, so dass sie richtig breit und gemütlich aussieht, und setzt sich sachte wieder auf ihre Eier.

Sie lässt sich bei ihrem wichtigen Geschäft nicht gerne stören, deshalb hat ihr Tante Hermine einen kleinen Platz ganz für sie alleine abgeteilt. Ab und zu kommt der Gockel Theodor, der Papa des Hühnervolkes, und guckt durch den Zaun. Oder eine der anderen Hennen ruft ein Gagger -di -gag zu Agate hinüber.


Kapitel 3: Frisch geschlüpft

Endlich, nach 22 Tagen, Agate ist schon den ganzen Morgen unruhig, hört sie ein leises, zartes Piep-piep. Sie stellt sich auf, legt ihren Kopf schräg, und horcht, aus welchem der Eier wohl der Ton kommt? Da, ein winziger Riss in einer Schale, und noch ein Piepsen. Noch ein kleines Risschen Eifrig antwortet sie dem kleinen Piepser. Sie muss noch ein wenig mit ihrem Schnabel nach helfen, und schon ist das erste Küken aus dem Ei heraus. Ein gelbes, zartes Federbällchen. Noch etwas feucht, und nach der Mühe mit der Eischale auch müde, kuschelte es sich in das warme Gefieder seiner Hühnermama. Da meldet sich auch bereits das Nächste an. Das hat etwas mehr Mühe mit dem "Aus dem Ei Kommen". Agate muss lange warten, bis es das Kleine geschafft hat, die Schale war außergewöhnlich dick. Da reichte der Eizahn, den jedes Küken auf seinem Schnabel hat, und die Kraft des Kleinen, kaum aus. Dafür klettert etwas besonders Hübsches heraus. Das Köpfchen ist gelb, die Flügel braun, und das Übrige braun getupft. Agate nimmt die leeren Eierschalen und befördert sie aus dem Korb, damit das Nächste genügend Platz hat. Das pickt auch schon gegen die Schale, und noch drei weitere melden sich. Agate regt sich nicht auf, sie kennt das alles, und hilft jedem neuen Piepser, sauber und warm bei ihr unter die Federn zu kriechen. Zum Schluss sitzen zehn Federbällchen im Gefieder von Agate. Während die Letzten schlüpfen, gucken die Ersten recht neugierig unter der Henne heraus. Die gluckt zufrieden vor sich hin, und die Küken antworten mit leisem piep piep.

Inzwischen ist es Nachmittag und Zeit für die Fütterung geworden. Tante Hermine klappert mit ihrem Futtereimer, damit alle Hühner zur gleichen Zeit kommen, und nicht die einen den anderen alles wegfuttern. Jetzt kommt sie zu Agate. Aber was ist aus der lieben Henne geworden?. Die sieht mit einem mal doppelt so groß aus, und macht ganz ärgerliche Augen. Erst als Tante Hermine mit ihr redete und ihr sagt, dass ihren Kindern nichts passieren wird, beruhigt sie sich wieder. Aber unter ihr Gefieder darf nicht einmal Tante Hermine gucken. Gleich hackt Agate ganz energisch nach der Hand.

" Na, schön, bin ich halt nicht neugierig, nachher sehe ich ja doch alle, aber was feines zu Fressen für die Kleinen habe ich noch". Sie geht in die hinterste Gartenecke, und schimpft leise vor sich hin: "Müssen die Brenneseln immer so brennen?". Kurze Zeit später bringt sie einen Teller mit klein gehackten Brenneseln gemischt mit Ei und Haferflocken. Agate besieht sich den Teller, aber sie steht erst auf, als Tante Hermine wieder fort ist. Nun lockt sie ihre Kinderschar mit gluck gluck gluck, und eines nach dem anderen purzelt aus dem Korb, und rennt, um möglichst schnell bei der Mama zu sein. Die klopft mit ihrem Schnabel auf den Tellerrand, und fängt an zu fressen. Die Kleinen machen es gleich nach. Mit ihren winzigen Schnäbelchen pieken sie eifrig, und die Mama Henne fordert sie immer wieder mit einem gluck ´, gluck zum Weiterfressen auf.

Von Weitem hat Tante Hermine zugesehen. "Das klappt ja prima !" murmelt sie vor sich hin, "es sind zwar nur 10 Küken ausgeschlüpft, aber vielleicht kommt noch eines".

Die Küken hatten sich schließlich satt gefressen und waren müde. Das gluck-gluck-gluck der Mama lockte alle unter ihre warmen Federn.

Die ganze Nacht schliefen sie ohne sich zu rühren. Aber kaum wurde es hell, begannen die leisen Piepstöne. Agate antwortet mit beruhigendem Glucksen, und steht auf. Sie schüttelt kräftig ihr Gefieder, streckt die Beine aus, und scharrt einige Male im Sand. Die Kleinen versuchen es nach zu machen. Dabei überkugelt sich der Schwarze, und ich habe fast den Eindruck, dass er darüber lacht und Spaß daran hat. Die Übrige Hühnerschar scheint noch zu schlafen, nur " Theodor" kräht aus vollem Hals, und heute klingt es besonders laut, denn er hat bereits Agate mit ihren Küken gesehen.

Die Sonne schickt gerade ihre ersten Strahlen über die große Eiche, jetzt wird es Zeit für das Frühstück. Tante Hermine kommt sich reckend und dehnend aus der Haustüre und ihr lautes "Guten Morgen" weckt auch den letzten Schläfer auf.


Kapitel 4: Der erste Tag

Moritz, der junge, schwarze Kater liegt oben auf dem Dach der Hundehütte. Vielleicht hat er sich nur schlafend gestellt, denn mit einem Auge verfolgt er jede Bewegung der hin und her rennenden Küken. So kleine Hühner hat er noch nie gesehen. Das muss genauer untersucht werden. Er streckt sich, gähnt einmal mit weit aufgerissenem Maul, und rückt langsam immer näher. Jetzt wird Agate aufmerksam " was will denn dieser Schlingel hier?" und ohne jede Vorwarnung ist sie plötzlich um das doppelte größer geworden. Moritz erstarrt, aber Agate ist nicht mehr zu bremsen. Wütende Zischlaute kommen aus ihrem Schnabel, und im nächsten Moment fegt sie wie eine Furie auf Moritz los. Der kann sich nur noch mit einem mutigen Satz auf das Hundehüttendach retten, und von dort aus zu der schrecklichen Agate hinunter sehen. Dabei hat er ganz vergessen, dass Agate fliegen kann, aber ihr genügt es vorerst, ihm einen ordentlichen Schrecken eingejagt zu haben.

Die Küken hatten sich inzwischen dicht beieinander gehalten, die Lektion der Mama würden sie nie vergessen und der Moritz vergaß sie bestimmt auch nicht. Agate rief sie zu sich, und marschierte mit allen auf die Wiese. Tante Hermine beobachtet die kleine Schar, und zählt nach, natürlich eines ist noch geschlüpft: " Hallo, was bist denn du für einer, ein ganz Schwarzer, und frech gucken kannst du auch schon. Du bist bestimmt ein Gockel. Dich werde ich Schwarzer nennen!"

Für die Küken sehen die Grashalme groß wie Bäume aus, und Agate muss gut aufpassen, dass keines verloren geht. Zuerst zeigt sie ihnen, dass die Blüten der Gänseblümchen und des Löwenzahn ganz gut schmecken. Auch an vielen Gräsern piekt sie eifrig, dort sitzen Insekten oder Raupen, die besonders fein zu essen sind.

Jetzt kommen sie von der Wiese an einen Ackerrand. Überall liegen dort winzige Erdehügel. Agate kommt so richtig in Fahrt, sie scharrt wie eine Wilde, und dann packt sie schon den ersten Regenwurm, und schluckt ihn runter. Die Küken gucken verdutzt, weil das so schnell gegangen war. Aber da scharrt sie bereits weiter, und die Erde fliegt nur so durch die Gegend. Da taucht wieder ein Regenwurm auf. Dieses mal war der Schwarze schneller als seine Mama. Er packt fest mit seinem Schnabel zu, und jetzt weiß er nicht mehr weiter. Der Wurm macht einen Kringel um ihn herum, und er ist gefesselt, aber schon hat ihn das bunte Küken gepackt, und zerrt in die andere Richtung. Das gab ein regelrechtes Tauziehen, bis endlich jeder seinen Teil hatte. Beide mussten tüchtig schlucken, Agate hätte am liebsten Beifall geklatscht, so stolz war sie auf die Zwei.

Jetzt kam etwas hoch interessantes, Agate fing eine dicke Fliege, die immer um ihren Kopf geschwirrt war. Als die Kleinen das nachmachen wollten, gab es ein lustiges Gehüpfe, aber keiner fing so ein flinkes Ding. Agate machte das Fangen noch einmal vor, sie stand ganz still, ließ die Fliegen um sich herum brummen, und dann schnappte sie schnell mit ihrem Schnabel zu. Wieder hatte sie eine gefangen. Die mussten besonders gut schmecken, denn Agate verdrehte vor Wonne ihre Augen, und ihre Kükenschar hüpfte vor Vergnügen um sie herum. Die Fliegen waren vorerst vergessen.

Von der Wiese aus führt ein Weg an einem Tümpel vorbei. Die Sonne strahlt auf das Wasser, und ein Schnakenschwarm tanzt darüber. Agate steckt ihren Schnabel ins Wasser und trinkt einen Schluck nach dem anderen. Der Schwarze beobachtet inzwischen die Schnaken. Eine kommt ihm besonders nahe, er macht einen Hüpfer, und landet im Wasser. Zum Glück ist es nicht tief, und er kommt mit einigen nassen Federn und dem Schrecken davon. Aber Agate schimpft ihn mit ärgerlichen Gackertönen aus.

Es war Nachmittag geworden. Die Küken hatten einige Zeit ausgeruht, Agate hat sie zu einem Sandbad geführt. Das war für sie das Schönste vom ganzen Tag. Der trockene warme Sand rieselt durch sämtliche Federn. Sie fängt mit dem Bauch an, danach die rechte Seite, dann auf die linke Seite, schließlich muss noch der Rücken mit Sand beworfen werden. Das macht sie sehr geschickt, die Beine schleudern den Sand im Bogen nach oben, so dass sie regelrecht unter einem Sandregen steht. Nach einem so ausgedehnten Bad tut es gut, noch ein wenig in der Sonne zu sitzen, und für die Kleinen mit den abgespreizten Flügeln ein Schattendach zu bilden.

Halt, da fehlt doch einer? Agate fängt an, ihr gluck- gluck- gluck zu rufen. Wo ist der Schwarze nur hingelaufen? Zu allem Unglück erscheint oben in der Luft einer der Erzfeinde. Ein roter Milan zieht seine Kreise, und Agate weiß aus Erfahrung, dass der Milan mit seinen scharfen Augen sie und ihre Küken gesehen hat. Umsichtig und ruhig setzt sie sich hin, und alle ihre Kleinen sind versteckt, und unter ihr gut geschützt. Bis auf den Schwarzen. Der taucht in dem Moment hinter einem Stein auf und guckt zu diesem dunklen Schatten, der hoch über ihm steht hinauf. Da kommt der Schatten auf ihn zu, wird immer größer und lässt bereits seine scharfen Fänge sehen, da schießt ein langgestreckter Katzenkörper über den Schwarzen, und streift fast die Beine des Milan. Dem bleibt nichts anderes über, als mit einem ärgerlichen Schrei abzudrehen und ohne Beute hinter dem mächtigen Baum zu verschwinden. Agate nimmt den Schwarzen schnell unter ihre Fittiche und bleibt noch eine ganze Weile sitzen. So etwas hat sie noch nie erlebt. Trotzdem schaut sie Moritz misstrauisch an. Wollte er wirklich nur dem Schwarzen helfen?

Moritz staunte unterdessen über sich selber, das hatte er fertig gebracht, den riesigen Vogel in die Flucht gejagt? Seine Schwanzspitze zuckte noch immer aufgeregt hin und her, und will sich nicht so schnell beruhigen lassen. Er war ja auch noch ein ganz junger Kater.

Schade, dass das Tante Hermine nicht gesehen hat. Die kommt gerade mit dem Futtereimer für das Abendessen. Alle rennen in Richtung des Geklappers. Auch Agate setzt sich mit ihrer Schar in Bewegung. Sie macht so große Schritte, dass die Kleinen alle Mühe haben das Tempo mit zu halten. Aber unter Mithilfe ihrer winzigen Flügelchen, mehr geflattert als gerannt, schaffen sie auch den letzten Spurt dieses Tages.

Für die Küken war es ein sehr langer und aufregender Tag gewesen. Zufrieden setzt sich Agate in ihren Korb, und ein Küken nach dem anderen krabbelt piepsend und müde in die Geborgenheit ihres weichen Gefieders. Bis zum nächsten Morgen.

"Gute Nacht, mein Hühnervolk!"

"Hat der Mensch Töne, Jolante, was machst du denn da?" Kein Wunder dass sich Tante Hermine aufregte, Jolante grub gerade alle die schönen Saatkartoffeln, die sie gestern gesteckt hatte, wieder aus. Und Jolante zu bremsen war sehr schwierig, mit Gewalt ging das nicht, nur mit einer List. Tante Hermine holte eine Scheibe Brot, um sie abzulenken.. "Ich glaube, dir ist es langweilig, du brauchst wieder etwas zu tun, und ich weiß auch schon was." Tante Hermine fuhr mit ihrem Schlepper und dem kleinen Anhänger vor. Mit einigem ärgerlichem Schimpfen war Jolante endlich bereit in den Hänger zu steigen. Die Fahrt war kurz. Bei dem nächsten Bauern durfte sie wieder heraus, und gleich auf eine Weide, zu ihrem Freund Max. Nun lassen wir die Beiden alleine. Sie kennen und vertragen sich, und wissen sicher etwas miteinander anzufangen.

Tante Hermine klettert wieder behände auf ihren Schlepper, und fährt holpernd nach Hause. Das Wetter ist herrlich, genau richtig um Gelbe Rüben und Radieschen auszusäen, und dazwischen einige Kopfsalatpflanzen. Sie gibt Gas, denn es kribbelt ihr schon ordentlich in den Fingern. "Ach ja, noch schnell an der Gärtnerei vorbei, um den Salat zu kaufen, Samen ist genügend daheim". Es kann los gehen. Zuerst muss das Laub vom vergangenen Jahr, das als Mulch diente, etwas zur Seite, dann eine leichte Rille gezogen, den Samen und die Pflanzen gesetzt, leichten Mulch wieder darüber und nun kann es wachsen.

Tante Hermine ist so toll in Fahrt, dass sie gar nicht merkt, dass sich einige Wolken angesammelt haben. Sie hat ihre Arbeit beinahe geschafft, als die ersten einzelnen Tropfen fallen.

Sie kann gerade noch ihr Handwerkszeug aufräumen, da kommt ein schöner lauer Regen, so sanft und angenehm, wie eine zarte Dusche. "Da fühlt man sich selber wie eine Pflanze". Tante Hermine breitet die Arme aus, und dreht sich ein paar mal um sich selber. "Vielleicht wachse ich noch ein Stückchen!"

Sie war schon eine kleine Person, nur 1m50 groß. Aber was macht das, wenn man ein so großes Herz für alles hat, was da kreucht und fleucht. Jetzt beeilte sie sich ins Trockene zu kommen. Moritz kam auch noch angesaust, Regen mochte er nicht.

Auch Agate hatte sich unter das Schuppendach mit ihrer Schar gerettet. Neugierig, wie Kinder sind, wollten sie wissen, was da von oben kommt, und so streckte immer wieder eines den Kopf raus und guckte hoch, um gleich erschreckt wieder unter die Federn zu kriechen. Regen war nichts für sie

Dafür waren andere in ihrem Element. Drüben beim Teich wurde geschnattert und die Flügel geschüttelt, die Köpfe unter Wasser gesteckt, so dass nur noch der Bürzel oben raus sah. Dann tauchte der Kopf wieder auf, und energisch ging er gleich wieder nach unten, so dass der Schwanz dabei hin und her wackelte. Jetzt kam der Kopf wieder hoch und ein kleiner zappelnder Fisch wurde hungrig verschlungen. Eigentlich gehörte das Entenpaar gar nicht hier her, sie waren im Winter angekommen, und dann einfach da geblieben.

Bei Tante Hermine gefiel es allen, ob Tier oder Mensch. "Ich wundere mich, warum brüten die beiden nicht, oder doch, da badet doch nur er, und macht Lärm für zwei."

Der Regen war inzwischen in ein leichtes Getröpfel übergegangen, und Tante Hermine wanderte gemächlich in Richtung Wohnhaus.

Es sind inzwischen einige Tage vergangen, als Nero vor der offenen Haustüre sitzt und kurze abgehackte "Wuff,wuffs" ausstösst. "Ach, du willst mir sagen, dass das Telefon bimmelt, schon gut, ich geh ja schon. Hallo hier Tante Hermine." Sie meldet sich immer so, sagt nie ihren vollen Namen, deshalb reden sie alle Leute nur mit Tante Hermine an. Gerade sagt sie "Ja prima, ich komme gleich rüber und hole sie wieder ab."

Ihr könnt euch sicher denken, wer abgeholt wird. Der Schlepper wird angelassen, der Hänger angehängt, und beim Nachbarn die Jolante eingeladen, und mit Schwung wieder zu Hause ausgeladen. Das heißt, Jolante freute sich so toll, dass sie einige Bocksprünge und einige Quicker los lies, und Tante Hermine kratzte ihr so lange mit der Bürste über den Buckel, bis es beiden ganz warm wurde. Dann suchte Jolante alle ihre Lieblingsplätze auf, aber ihr allerliebster Platz war der unter dem großen Baum. Dort legte sie sich hin, und war bald eingeschlafen, und schnarchelte leise vor sich hin. Vielleicht träumte sie von ihrem Freund Max? Ich bin sicher dass Schweine auch träumen können, denn immer wieder zuckt der kurze Ringelschwanz, oder die Ohren wackeln, sogar die Augen macht sie manches mal schnell auf und zu. Habt ihr schon gesehen, was für lange Wimpern Jolante hat, wäre sie ein Mädchen, würden die Leute sagen: "Oh, sieht das Kind süß aus!" Aber von einem so großen dicken Schwein kann man das zwar auch sagen, nur stimmt es wohl doch nicht ganz.

Trotzdem, Jolante hat bemerkenswert schöne Augen, die macht sie in dem Augenblick auf. Irgend etwas zupft an ihrem Ohr. Sie hat schon ein wenig damit gewackelt, aber das Zupfen hört nicht auf. Jetzt wird sie ärgerlich und schüttelt den ganzen Kopf. Genau vor ihrer Nase landet ein schwarzes erschrockenes Federbällchen. Das legt sein Köpfchen schief und guckt diese runde rosa Nase an, und dann pickt der kleine Schnabel in eines der Nasenlöcher. Jolante muss kräftig niesen, der Schwarze fliegt hoch in die Luft, und bleibt, wie manches mal euer Federball, oben an einem Ast hängen. Alles war so schnell gegangen, dass er nicht einen Piep heraus brachte. Jolante sah mit einem Auge verblüfft zu dem Ast hinauf: "So was!" Dann schloss sie das Auge und schlief weiter.

Jetzt erst fing der Unglücksrabe an zu piepsen, und erst jetzt merkte Agate, was passiert war. "Gluck, gluck, gluck, komm runter, hier gibt es einen fetten Regenwurm". Agate lockte und schimpfte abwechselnd, aber er hatte Angst, von da oben herunter zu fliegen.

Wenn Agate sich so aufregte, musste etwas besonderes vorgefallen sein. Moritz, der in der Nähe ein Mauseloch bewachte, schlich vorsichtig und mit großem Abstand zu Agate, heran, um sich das Geschehen genau zu betrachten. "Aha, da oben sitzt einer, warum fliegt der nicht herunter? Dem werde ich Flügel machen!" Mit 2 Sätzen ist Moritz am Stamm, er fährt seine Krallen aus und schon sitzt er oben auf dem gleichen Ast wie der Schwarze. Das war zuviel für den Kleinen, wie ein flügelschlagender Stein purzelt er hinunter und genau vor Agates Füße.

Agate traut ihren Augen nicht, der Moritz hat ihrem Kleinen schon wieder geholfen, oder hatte er ihn sich schnappen wollen? Sie kann sich noch nicht beruhigen, ihre Federn sträuben sich und für Moritz sieht sie sehr bedrohlich aus. Schließlich hört er ihr gluck, gluck, gluck, und sieht, wie sie mit ihren Küken noch einige Zeit um Jolante herum scharren, und sich dann auf den Weg zum Abendessen machen. Ein wunderschöner Tag geht zu Ende.


Kapitel 5: Tante Hermine klappert nicht

Der nächste Morgen beginnt mit großer Aufregung. Tante Hermine klappert nicht mit dem Frühstückseimer. Sie kommt einfach nicht zur Türe heraus. Hat sie verschlafen? Nein, im Haus hört man sie rumoren. Alle stehen vor der Türe und haben Hunger. Jolante quickt, der Gockel Theodor kikerikid, Moritz miaut und von innen bellt Nero. Endlich öffnet sich die Türe. Langsam und gebückt kommt Tante Hermine heraus. Die Arme hat Kreuzschmerzen. Vielleicht von der Gartenarbeit? Sie kann kaum den Futtereimer tragen. Sie zieht ihn schließlich hinter sich her.

"Wenn ihr mir wenigstens helfen könntet, aber das könnt ihr ja nicht. Ihr wisst nicht mal, warum ich so schief laufe. Aber heute lasse ich die Sonne auf mein Kreuz scheinen, dann wird das schnell wieder besser." So redet sie sich selbst Mut zu.

Schließlich haben alle ihr Futter bekommen, auch die Schafe, die auf der Weide am Waldrand eingezäunt sind, hat sie in ein neues Weidestück gebracht. Es sind Milchschafe, die müssen gemolken werden. Das kann sie heute aber beim besten Willen nicht. Sie versucht immer wieder das Kreuz gerade zu biegen, nichts geht, sie läuft wie ein abgebrochener Kleiderhaken.

Trotz der ekligen Schmerzen richtet sie sich plötzlich etwas weiter auf, sie hört eine fröhliche Stimme "Tante Hermine" rufen. Das kann nur Sebastian sein. Tatsächlich, da liegt das verbeulte alte Fahrrad mitten im Hof.. Nero und Jolante machen bereits Begrüßung. Der eine mit hohen Hüpfern und wedelndem Schwanz, und die andere quietschend und mit freundschaftlichem stupsen.!

"Wie gut, dass du heute kommst, ich kann kaum krabbeln, und noch weniger die Schafe melken. WAS machen wir bloß? Kannst du dem Bauern Karl Bescheid geben, dass er vorbei kommt?"

"Aber Tante Hermine, ich kann doch melken, du hast es mir gezeigt, und ich habe oft zugesehen.". "Wirklich meinst du, du schaffst es? Ich werde mich dazu setzten." Tatsächlich, es ging alles gut, die "Mausi", die "Heidi" und die "Hanni" waren froh, dass sie ihre Milch los hatten, und zum Dank einen besonderen Leckerbissen bekamen. Tante Hermine nahm etwas Salz in ihre Hand. "Hier, Sebastian, du hast gemolken, dann musst du auch die Belohnung austeilen." Fachmännisch nahm er das Salz und hielt es auf der Handfläche den Schafen hin. Die streckten ihre Köpfe vor und leckten mit Begeisterung die Hand ab. Mit ihren rauen Zungen kitzelten sie Sebastian, so dass er in einem fort Kichern musste.

Danach schleppten sie gemeinsam die Milch in die Küche. Daraus wurde ein wunderbarer Käse gemacht. Was ihr zieht die Nase hoch? Schafskäse mögt ihr nicht? Da solltet ihr mal den von Tante Hermine probieren. Mir vielen Kräutern drin, und auf einem Brot vom Holzbackofen, da lass ich jeden "Hamburger" dafür liegen. Aber ich bin ja auch Erwachsen. Zugeben muss ich allerdings, Schafsmilch trinke ich auch nicht gerne. Inzwischen war die Milch versorgt, und Tante Hermine hatte sich mit einem tiefen Seufzer in ihr Bett sinken lassen und Sebastian ging nach draußen, um Agate und ihre Kleinen zu betrachten.

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