Autorin: Tippi

Timo

"Kannst du nicht aufpassen!" Verdammter Bengel, guck wo du hin läufst!" "Du schläfst wohl noch.!" "Dir gehört der Hintern versohlt, damit du aufwachst!" Der grelle Ton einer Autohupe übertönte die Stimmen. Aber selbst dieser Ton drang nur schwach in Timo´s Bewusstsein. Er war in seinem Schmerz einfach los gelaufen. Sie hatten seinen Max weggeben, sie sagten ihm nicht wohin. Sollten doch alle schimpfen. Sie behaupteten im Mietvertrag steht, dass keine Tiere erlaubt sind. Jetzt, nachdem der Max bereits ein Jahr lang bei ihm war. Max machte keinen Lärm, er war klein und sauber. Jeden Tag hab ich seinen Mist in Zeitungspapier zum Mülleimer getragen. Keiner im Haus hat es gemerkt. Warum, warum musste der Max fort. Wollte das die Neue von Papa, die war sowieso so was von Blöd. Timo lief immer weiter und weiter. Zuerst ohne zu wissen wohin. Dann war ihm die Oma Trudi eingefallen und schon hastete er ohne sich um zu sehen quer über die dicht befahrene Straße. Als eine Autohupe los dröhnte und die Autofahrer auf ihn einschimpften, traten ihm vor Schreck Tränen in die Augen. Sie lösten sich langsam und liefen über seine schmalen Wangen hinunter. Die Straße und die Umgebung verschwamm und er sah nur noch undeutlich die ärgerlichen auf ihn gerichteten Gesichter "Entschuldigung" murmelte er in ihre Richtung, stolperte über die Bordsteinkante und konnte sich im letzten Moment an einem Papierkorb, der an einer Laterne angebracht war, festhalten. Verstört sah er sich um, dann rannte er mit einem Aufschluchzen los.

Endlich, Brunnenstraße 21, wie gehetzt raste er die Treppe zum 2 Stock hinauf und drückte auf die Klingel. Es rührte sich nichts, auch als er ein zweites und ein drittes mal klingelte, meldete sich die Oma nicht. Vor Enttäuschung begannen die Tränen wieder zu laufen. Müde und bedrückt lies er sich auf die Treppe fallen, das Gesicht mit den Händen bedeckt und den Kopf auf die Knie gelegt. So saß er und konnte schon gar nichts mehr denken, alles vermischte sich zu einem totalen Chaos. Die Stimmen die auf ihn eingeschrien hatten, die laute Hupe, der Max nicht mehr da und nun war die Oma nicht zu Hause.

Im Treppenhaus war es still, das Tageslicht fiel gedämpft durch ein hohes Fenster, hinter dem ein dicht belaubter Apfelbaum stand. Mit einem Mal hatte Timo das Gefühl, als sehe ihn jemand an. er hob langsam seinen Kopf und bekam große Augen.

Vor ihm, auf dem Treppengeländer saß ein hell leuchtendes Wesen. "Eigentlich müsste ich Angst haben, hab ich aber nicht." Sagte er leise vor sich hin. "Es wäre auch völlig unnötig Angst zu bekommen" sagte das Wesen mit einer angenehm tönenden Stimme. "Hallo Timo, wir Beide haben unheimlich Glück gehabt. Im allerletzten Augenblick hab ich dir einen Stoß gegeben, so dass du gerade noch vor dem gelben Auto über die Straße geschossen bist. Das Auto war schon dicht ran." Timo ´s Augen weiteten sich. "Woher weißt du das?" wagte er zu fragen. "Ich weiß noch viel mehr. Sonst hab ich es nicht so schwer mit dir. Aber heute, du meine Güte, erst die Autos, dann der Bürgersteig dann die Laterne. Trotzdem wir haben es gut hin bekommen." "Ich glaub, ich weiß wer du bist. Du bist mein Schutzengel." "Und ob ich der bin" und damit lies er sich neben Timo auf der Treppenstufe nieder. "Bereits seit deiner Geburt vor 9 Jahren bin ich bei dir. Wir hatten oft viel Spaß miteinander." Timo sah ihn aufmerksam an. "Wo sind deine Flügel?" "Flügel, ach ich brauche kein Flügel, ich bin schnell wie ein Gedanke und kann überall auch ohne Flügel sein." "Das möchte ich auch können, blitzschnell hätte ich meinen Max zurück geholt." "Dein Max" sagte sein Schutzengel vor sich hin. "Deine Oma hilft dir bestimmt. Ich höre sie schon."

Unten im Treppenhaus klappte die Haustüre. Timo schreckte hoch. "Hab ich geschlafen? Und was geträumt?" er stand auf, guckte übers Geländer: "Oma, Omi!!" "Hallo Timo, komm runter, hilf mir tragen." Miteinander schleppten sie die Einkaufstasche hoch. "ich freue mich, dass du mich besuchst, aber was ist los, ich habe so eine Ahnung, dass irgend etwas in Unordnung ist." Sie sah ihn dabei von der Seite an. "Aber jetzt rein in die Wohnung, dann machen wir es uns gemütlich und du kannst mir alles erzählen."

Oma setzte sich in ihren Sessel, legte die Beine hoch und seufzte zufrieden. Timo saß neben ihr aufrecht auf der Couch. Er musste zwei mal ansetzen bevor er die schlimme Geschichte erzählen konnte. Und dann brachte er es so plötzlich heraus, dass die Oma sich mit einem Ruck aufsetzte und ihn ungläubig anstarrte. "Was haben die getan, dir dein geliebtes Meerschweinchen weggenommen? Wer sind die?" "Papa und seine Neue". "Wo haben sie es hingebracht?" "Das weiß ich nicht." "Warum haben sie das gemacht haben sie es dir gesagt?" "Die Neue hat gesagt, im Mietvertrag steht, dass in der Wohnung keine Tiere gehalten werden dürfen. Max ist doch kein Tier, er versteht doch alles." Nun begannen die Tränen wieder zu fließen. Oma stand auf, nahm ihn in den Arm. "So, du gehst in die Küche und kochst uns einen schönen Tee, du weißt schon, den wir so gerne trinken. Und ich telefoniere inzwischen." "Hier bei Köber" meldete sich eine Frauenstimme.

"Aha, die Neue" stellte Oma bei sich fest. "Hier ist Oma Trudi. Wie geht es euch? Kann ich meinen Sohn sprechen? Danke". Timo´s Vater meldete sich: " Grüß dich Mutter. ist der Timo bei dir?" Einen Moment war Pause, Oma überlegte ob sie ihren Sohn im Unklaren lassen sollte, sie entschied sich doch, gleich mit der Tür ins Haus zu fallen. Vielleicht ist Angriff die beste Verteidigung in diesem Fall. "Ja, er ist hier und weint sich die Seele aus dem Leib. Wie konntet ihr ihm seinen Max weg nehmen. Seit dem Tod seiner Mutter hat das kleine Tier ihn immer wieder getröstet und ihm geholfen über die kritischste Zeit hin weg zu kommen. Wo ist der Max, ich will das sofort wissen, ohne Ausflüchte und langes drum herum reden. Wo ist er? Und sag nicht, ihr habt ihn zum Tierarzt gebracht." Nun gab es auf der anderen Seite eine längere Pause. Oma guckte immer wieder zur Küchentüre, Timo sollte nicht mit hören. "Was ist los, bist du stumm geworden?" "Mutter, du mischst dich in etwas ein, das du nicht verstehst. In unserem Miet ." Ärgerlich unterbrach sie ihn: "Ich weiß was in eurem Mietvertrag steht. Damit brauchst du mir nicht zu kommen. Ich möchte eine präzise Antwort auf meine Frage." Wieder eine Pause, Oma spürte den inneren Kampf den ihr Sohn mit sich ausfocht. "Nun gut, wir haben ihn zu Doktor Klein gebracht." "Danke das genügt." Ganz eisig hatte sich ihre Stimme angehört. Als Timo mit den Teetassen ins Wohnzimmer kam, suchte sie bereits die Nummer des Tierarztes heraus. "Bitte Timo lauf schnell und hol uns jedem eine Schneckennudel in dem kleinen Laden um die Ecke." Sie wollte nicht, dass er das nächst Gespräch mit hörte, es war nun mal nicht ausgeschlossen, dass der kleine Max schon nicht mehr lebte.

"Praxis DR. Klein" meldete sich eine freundliche Stimme. Oma holte tief Luft. " mein Name ist Köber. Bei ihnen wurde ein Meerschweinchen abgegeben es soll wohl eingeschläfert werden. wissen sie davon?" "Ich verbinde sie mit dem Doktor." Das klang recht kühl und abweisend. Oma ließ dem Arzt keine Zeit sein freundliches Guten Tag auszusprechen, als sie schon die Frage auf ihn abfeuerte: " Lebt das Meerschweinchen noch, lebt der Max noch?" Dr. Klein blickte einen Moment verblüfft in seinen Telefonhörer, aber dann hatte er begriffen. "Sie meinen bestimmt diesen netten orangefarbigen Gesellen, den würde ich am liebsten selbst behalten." Oma ´s Augen strahlten hell auf und ihr Freudenschrei klang laut durchs Telefon. "Mein Gott bin ich froh. Mein Enkel kam weinend bei mir an." Sie erzählte kurz die ganze Geschichte und meinte zum Schluss: "Wir nehmen uns eine Taxe und holen den Max bei ihnen ab." Sie rief eine Taxe, schlüpfte in ihren Mantel, guckte kurz in ihren Geldbeutel und meinte zu sich: "für das Taxi wird es schon reichen und nächste Woche gibt es wieder Rente". "Oma wo gehst du hin?" "Leg die Schnecken dort auf den Tisch, wir haben etwas ganz wichtiges vor. los komm." Oma machte ein so ernstes, wichtiges Gesicht, dass Timo sich nicht zu fragen getraute was sie vor hatte.

Zusammen stiegen sie in das Taxi, Oma gab dem Fahrer die Adresse und dann saßen beide still und stumm wie Fische auf ihren Sitzen. Zaghaft schob Timo seine Hand in die von Oma. "Hast du mit Papa gesprochen." "Ja mein Freund, und ich hab ihm ordentlich die Meinung gesagt. Gleich sind wir da." " Aber hier wohnt doch der Tierarzt, bei dem war ich mit Max wie er Durchfall hatte." Sie stiegen aus. "Bitte warten sie, wir fahren gleich mit ihnen zurück." Freudestrahlend empfing sie die Sprechstundenhilfe: " Gehen sie dort rein." "Timo geh du zuerst." Ganz langsam ging Timo auf die Türe zu, öffnete und dann hörten sie einen Freudenschluchzer und ein quicken ein Lachen und ein Weinen, alles in einem. Mit seinem Max auf dem Arm kam Timo heraus und beiden sah man das Glück, sich wieder zu haben , an den Augen an. Immer wieder schnupperte Max an Timo herum, so als könnte er es nicht glauben, dass sein geliebter Freund ihn gefunden hatte.

Dr. Klein sah dem Wiedersehen zu und beugte sich zu Timo runter. "Ich wollte ihn eigentlich selbst behalten, so ist es aber viel besser, für dich und für den Max. Alles Gute für euch. Auf wiedersehen.!" Strahlend und dankend verließen sie die Praxis, das Taxi brachte sie zurück. Im Laden an der Ecke kauften sie noch Streu, Pampers und Futter. Dann stiegen sie schwer beladen die Treppen hoch. Max durfte die neue Umgebung beriechen und hie und da ein festes kleines Würstchen fallen lassen. "In die Ecke legen wir seine Pampers aus, dann macht er dort sein kleines Geschäft. Das kennt er und bei mir hat das immer gut geklappt." "Ja, das ist ein sicherer Platz" meinte auch die Oma und setzte sich sehr zufrieden und in ihren Sessel. "Der Tee ist nun kalt geworden, aber jetzt kochst du uns einen Neuen. Der wird sowieso besser schmecken, weil er von jemand gekocht wird, der keine Tränen mit hinein gießt." Der Max durfte bei der Oma bleiben und Timo konnte so oft kommen wie er wollte und das nützte er auch redlich aus.

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